heraus gerufen – Schritte in die Zukunft wagen

Blog zur Umsetzung der Synode im Bistum Trier

um so schlimmer…

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Podcast „Kreuz & Quer“ (vom 25. Juli 2020)

Altfried Rempe hat die vatikanische Instruktion über die Pfarrgemeinden gelesen. Und fühlte sich dabei immer mehr an eine Anekdote über den Philosophen Friedrich Wilhelm Hegel erinnert: Als der darauf angesprochen wurde, dass die Tatsachen so anders seien als sein schönes Gedankengebäude, antwortete er knapp: Umso schlimmer für die Tatsachen. In seinem Kommentar für „Kreuz & Quer“ kritisiert Altfried Rempe, dass auch das Bild, dass die Instruktion von Pfarreien und Pfarrern zeichne, nicht zu den Tatsachen passe. Für wen ist das schlimm – für die Tatsachen?

Ist es seltsam, dass mir bei solchen Nachrichten immer die Geschichte einfällt, in der Friedrich Wilhelm Hegel, der große deutsche Philosoph vorkommt – und einer seiner vielen Bewunderer: „Das ist alles so schön und so richtig, Herr Professor, was sie da sagen“, lobhudelt der; „aber die Tatsachen sind so anders in der Welt“, legt er nach. Darauf Hegel: Umso schlimmer für die Tatsachen.

Eher naheliegend als seltsam, dass ich an diese Story denken muss – gerade beim zweiten und dritten Blick in die römische Instruktion, die mitten in der Ferienzeit krachend einzuschlagen scheint, im Bistum Trier und in der katholischen Kirche in Deutschland – und eigentlich weltweit. Von der „pastoralen Umkehr der Pfarrgemeinde“ gibt sie vor zu handeln, „im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“. Und behauptet, sie sei eine „Einladung an die Pfarrgemeinden, sich zu öffnen und Instrumente für eine auch strukturelle Reform anzubieten, die sich an einem neuen Gemeinschaftsstil, an einem neuen Stil der Zusammenarbeit, der Begegnung, der Nähe, der Barmherzigkeit und der Sorge für die Verkündigung des Evangeliums orientiert.“

Das wird noch ein wenig aufgehübscht mit ein paar passenden Zitaten von Papst Franziskus, der ja in der Tat kritisiert hat, dass zu viele Pfarreien sozusagen im eigenen Saft schmoren, während draußen vor der Tür die Menschen vor Hunger schreien – statt auf Jesus zu hören, der seinen Jüngerinnen und Jüngern sagt: Gebt ihr ihnen zu essen.

So weit so passend und richtig. Und auch in der Situations-Analyse hat die vatikanische Kleruskongregation durchaus richtige Einsichten vorzuweisen. Den meisten würde sich vermutlich die Trierer Bistumssynode angeschlossen haben; oder haben die Römer etwa abgeschrieben? Ach nein, jedenfalls findet sich kein Zitat aus „heraus gerufen. Schritte in die Zukunft wagen“, aus dem Abschlussdokument der Trierer Synode. Hätten sie da mal reingeschaut…

Aber im Gegenteil – selbst beim Blick in die Heilige Schrift kommt die Wahrheit zu kurz. Die Pfarrgemeinde – meint man in Rom – die Pfarrei sei in Spuren schon da erkennbar; beim Apostel Paulus nämlich. In Wirklichkeit: keine Spur! Paulus kennt das, was heute „Gemeinde“ heißen würde, die Versammlung, oft in einem Haus bei einer Familie. Aber mit vielen verschiedenen Formen und Strukturen, mit ganz verschiedenen Charismen und – meinetwegen auch: Ämtern. Und mit Episkopoi – Vorstehern oder Aufsicht-Führenden; vermutlich auch Frauen dabei, jedenfalls eher mit den Bischöfen der späteren Kirchen-Geschichte vergleichbar, aber nicht mit den Pfarrern! Und jedenfalls ganz ohne Vermögen und Besitz, der da zu verwalten gewesen wäre. Wenn Geld und andere Ressourcen da sein sollten, dann zum Einsammeln und Weitergeben und Verteilen – gebt ihr ihnen zu essen, hatte Jesus gesagt.

Also: Nachdenken „über ein neues Konzept der Pfarrei“ – aber nicht nur, „sondern auch über den Dienst und die Sendung der Priester in ihr. Zusammen mit den Gläubigen haben sie die Aufgabe, „Salz und Licht der Welt“ zu sein.“ Da, schon in Nummer dreizehn von 124, steht es klar und deutlich. Kein Wunder – ist ja auch von der Kleruskongregation, die Instruktion. Und die denkt in Wirklichkeit über den Klerus nach und über die Festigung seiner alten, männerdominierten Rollen, vor allem als Pfarrer. Und entfaltet dann ein so unverhohlen klerikalistisches Bild von Kirche im Allgemeinen und der Pfarreien im Besonderen, dass wenigstens die katholische Kirche in Deutschland sich eigentlich kaum mehr gemeint fühlen kann. So wenig wie die in Brasilien und in Frankreich und fast überall auf der Welt.

Zumal der Kongregations-Chef, Kardinal Beniamino Stella, sich auch noch traut, im Interview zu unterstellen, Strukturreformen würden „nach dem eigenen Geschmack gemacht werden“ – er „würde fast sagen, aus einer Laune der Verantwortlichen und ihrer Experten heraus“… Synoden als Laune von ein paar Leuten. Das tut weh. Passt aber dazu, dass die Instruktion selbst sich erlaubt, sogar das zweite Vatikanische Konzil zu bewerten: „Die Konzilsväter haben in der Tat weitblickend festgehalten“… Umso schlimmer für die Tatsachen, könnte man sagen.

Aber die Tatsachen sind eben so, dass schon lange kaum mehr eine Pfarrei und schon gar nicht alle gläubigen und getauften Menschen im Gebiet einer Pfarrei sich so um ihren Pfarrer drehen, wie es die Römer zu glauben scheinen. Oder soll ich sagen: wie es die Römer wider hoffentlich besseres Wissen behaupten!? Ganz zu schweigen davon, dass auf lange Sicht zu wenig Pfarrer da sein werden, um die alles herumtanzen könnte.

Sollten „die Römer“ das alles wirklich durchzusetzen versuchen, was dann noch kommt – von Leitungsaufgaben – nur für Pfarrer und andere Priester und Mitgestaltung durch die sogenannten Laien – nur in Form von freundlicher Beratung, nach der die Herren sich dann richten können, wenn es ihnen recht ist; über Leitung im Team: unmöglich; und Erinnerungen an die MHG-Studie, die nachgewiesen hat, wie gefährlich und übergriffig das klerikalistische System sein kann, einschließlich sexualisierter Gewalt: keine Rede. Bis zum Vorschlag, der Pfarrer könne am besten wieder bei seinen Eltern leben, wenn es kein Pfarrhaus geben sollte… Sollten sie das ernsthaft durchsetzen, dann könnten sie am Schluss Recht behalten. Dann wären die paar Pfarrer, die noch bleiben, sowieso bald allein, aber leider tatsächlich auch ohne Nicht-Pfarrer, die da synodal oder gar demokratisch das Leben der Kirche mitzubestimmen versuchen.

Meine Zuversicht droht zu schwinden, dass Papst Franziskus und die Kirche von Amazonien doch am Ende stark genug sein könnten, ihr ganz anderes Bild weiter zu leben und für die ganze Kirche möglich zu machen: von kirchlicher Gemeinschaft vor Ort und Leitung im Team und vielleicht sogar mit verheirateten Männer, die zu Priestern geweiht wären…

Der Papst habe die Instruktion „approbiert“ heißt es; ich wünschte mir, dass er nur die ersten paar Abschnitte gelesen hat, weil er ja seinen Leuten vertraut und ihnen wohl so was nicht zutraut. Sie jedenfalls scheinen nur grob hineingelesen zu haben ins Schlussdokument der Amazonas-Synode und in Franziskus‘ „Querida Amazonia“. Aber ihr Kirchenrecht haben sie dogmatisch gut drauf. Was mich tröstet: Die Kleruskongregation hat den Start unserer 35 Pfarreien der Zukunft gestoppt, weil sie ihr Papier noch nicht fertig hatte. Trier ist also bestenfalls mit-gemeint – was schlimm genug wäre für die Tatsachen.

Aber jedenfalls irren sich die Leute der Initiative Kirchengemeinde vor Ort gewaltig, wenn sie jetzt behaupten, mit ihrer Beschwerde in Rom der ganzen Kirche einen historischen Dienst erwiesen zu haben. Nicht mal der Kirche von Trier, meine Herren! Und: So klerikalistisch waren die in Rom schon von selbst, ganz ohne euer und unser Zutun! Auf einen Laien-Verein zu hören: Aber wie denn!?

Bleibt zu hoffen: Dass die Bischöfe in der Deutschen Bischofskonferenz klar widersprechen – gern im Namen der Tatsachen, für die es ansonsten noch schlimmer würde. Und dass im Bistum Trier viel Heiliger Geist weht, in den nächsten Wochen und Monaten noch mehr als bisher; und heiliger Geist heißt auch Widerstands-Kraft zur Erneuerung.

Oder – um am Schluss sogar noch der römischen Instruktion das letzte Wort zu lassen: „Die Reform der Strukturen, die die Pfarrei anstreben muss, bedarf zunächst einer Mentalitätsänderung und einer inneren Erneuerung, vor allem derer, die in die Verantwortung der pastoralen Leitung berufen worden sind. Um dem Auftrag Christi treu zu sein, müssen die Hirten und in besonderer Weise die Pfarrer, …, dringlich die Notwendigkeit einer missionarischen Reform der Pastoral erkennen.“ Ja meine Herren – dann fangen Sie einfach selbst schon mal an mit der Umkehr. Vorlagen finden Sie schon bei den Tatsachen – in vielen Orten von Kirche auch im Bistum Trier und in mancher Pfarrei vor Ort übrigens auch.

(Von Altfried Rempe)

Zum Anhören:

Zum Download:

Hier können Sie eine PDF mit dem Manuskripttext des Podcasts herunterladen.

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