heraus gerufen – Schritte in die Zukunft wagen

Blog zur Umsetzung der Synode im Bistum Trier

Das Schicksal der Kirchen

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Die „Diakonische Kirchenentwicklung“ ist nicht nur Thema im Hirtenwort von Bischof Dr. Stephan Ackermann zur Österlichen Bußzeit 2020, sie beschäftigt auch andere Bistümer – ist ein Kernauftrag der Kirche heute. Professor Dr. Klaus Baumann, Professor für Caritaswissenschaften in Freiburg i.Br., hat dazu einen Festvortrag „Ständige Diakone – Männer für einen diakonischen Neuanfang in der Kirche?“ gehalten, der vom Bistum Osnabrück unter dem Titel „Ich habe euch ein Beispiel gegeben (Joh 13) – „Für einen diakonischen Neuanfang in der Kirche“ in einer Festschrift herausgegeben wurde. Wir dokumentieren mit freundlicher Genehmigung des Autors einen Auszug aus dem Festvortrag hier im Blog. Darin nimmt Professor Baumann Bezug auf den Jesuitenpater Alfred Delp, der 1945 – also vor fast genau 75 Jahren – nach einem Schauprozess von den Nazis hingerichtet wurde. Pater Delp hat wegweisende Gedanken auch für die Kirche heute formuliert:

Alfred Delp SJ „mit gefesselten Händen“ in Berlin-Plötzensee 1944-45

Alfred Delp SJ war 1944 verhaftet worden, im Januar 1945 von Nazirichter Freisler als Hochverräter abgeurteilt und am 02. Februar 1945 hingerichtet in Berlin-Plötzensee, weil er mit einem Zusammenbruch des Nazi-Regimes rechnete und mit anderen über einen christlichen Neuaufbau Deutschlands nachgedacht hatte. Aus seiner Haftzeit sind Aufzeichnungen erhalten, die er mit gefesselten Händen schrieb. Sie zeigen seine tiefe Sorge um die Menschen seiner Zeit und der Zukunft noch in der Hinrichtungshaft der Nazis. Genau in dieser Sorge fragte er nach dem Schicksal der Kirchen.

„Das Schicksal der Kirchen wird in der kommenden Zeit nicht von dem abhängen, was ihre Prälaten und führenden Instanzen an Klugheit, Gescheitheit, ‚politischen Fähigkeiten‘ usw. aufbringen. Auch nicht von den ‚Positionen‘, die sich Menschen aus ihrer Mitte erringen konnten. […] 2000 Jahre Geschichte sind nicht nur Segen und Empfehlung, sondern auch Last und schwere Hemmung. […] Von zwei Sachverhalten wird es abhängen, ob die Kirche noch einmal einen Weg zu [den] Menschen finden wird. […]

Was sind diese zwei Sachverhalte? Ich gebe Delp wörtlich in den entscheidenden Passagen wieder:

Der eine Sachverhalt meint die Rückkehr der Kirchen in die ‚Diakonie‘: in den Dienst der Menschheit. Und zwar in einen Dienst, den die Not der Menschheit bestimmt, nicht unser Geschmack oder das Consuetudinarium [scil. die Gewohnheiten, KB] einer noch so bewährten kirchlichen Gemeinschaft. […] Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienste des physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonstwie kranken Menschen. […] Rückkehr in die ‚Diakonie‘ habe ich gesagt. […] Damit meine ich das Nachgehen und Nachwandern auch in die äußersten Verlorenheiten und Verstiegenheiten des Menschen, um bei ihm zu sein genau und gerade dann, wenn ihn Verlorenheit und Verstiegenheiten umgeben. […] Es hat keinen Sinn, mit einer Predigt oder Religionserlaubnis, mit einer Pfarrer- und Prälatenbesoldung zufrieden die Menschheit ihrem Schicksal zu überlassen. Damit meine ich die geistige Begegnung als echten Dialog, nicht als monologische Ansprache und monotone Quengelei.

Das ist für Delp eine Rückkehr in die Diakonie – oder auch: ein diakonischer Neuanfang der Kirche. Von welchem zweiten Sachverhalt aber hängt er ab?

[Delp führt dazu aus:] Dies alles wird aber nur verstanden und gewollt werden, wenn aus der Kirche wieder erfüllte Menschen kommen. […] Die erfüllten Menschen … [d]ie sich wieder wissen als Sachwalter und nicht nur Sachwalter Christi, sondern als die, die gebetet haben mit aller Offenheit: fac cor meum secundum cor tuum. […] Nur dann haben sie das Maß von Sicherheit und Selbstbewusstsein, das ihnen erlaubt, auf das dauernde Pochen auf ‚Recht‘ und ‚Herkommen‘ usw. zu verzichten. Nur dann schlagen in ihnen die bereiten Herzen, denen es gar nicht darum geht, festzustellen, wir haben doch recht gehabt; denen es nur um eines geht: im Namen Gottes zu helfen und zu heilen. […] Die Kirche muss sich selbst viel mehr als Sakrament, als Weg und Mittel begreifen, nicht als Ziel und Ende. Die personale Verlebendigung ist heute wichtiger als die umfängliche sachliche Integrität [etwa der richtigen und vollständigen Lehre, KB]. […] Die Wucht der immanenten Sendung der Kirche hängt ab vom Ernst ihrer transzendenten Hingabe und Anbetung.“[1]

Die Sendung der Kirche versteht Delp ganz diakonisch. Und sie braucht erfüllte Menschen transzendenter Hingabe und Anbetung. Ohne solche Menschen kann aus seiner Sicht die Rückkehr in die Diakonie nicht gelingen.

[1] Alfred Delp, Mit gefesselten Händen. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis, Freiburg: Knecht 2007, 138-144.

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