heraus gerufen – Schritte in die Zukunft wagen

Blog zur Umsetzung der Synode im Bistum Trier


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Wir sind Pfarrei

Mein Dorf. Meine Kirche. Mein Pfarrer. Es ist wie in der bekannten Werbung für ein Bankinstitut. Sobald jemand das Wort „Pfarrei“ in den Mund nimmt, legt jemand in meinem Kopf drei Polaroidbilder auf den Tisch: Ein idyllisches Dörfchen, in dem jeder jeden kennt. Eine Kirche mit Turm und Glocke, die jede volle Stunde und sämtliche Gottesdienste einläutet. Und eben einen – nein, MEINEN Pfarrer, der in seiner schwarzen Soutane mit Römerkragen und Hut mit breiter Krempe auf dem Fahrrad durch eben jenes idyllische Dörfchen zu seiner Kirche radelt. Das klingt ein bisschen nach Don Camillo oder Pater Brown, die noch im Fernsehen und in Schwarzweiß unterwegs zu ihren Schäfchen waren. Aber ganz im Ernst: Auch wenn die Bilder in meinem Kopf vielleicht relativ wenig mit der Realität zu tun haben, repräsentieren sie trotzdem das unverrückbare Bild, das ich mit „Pfarrei“ verbinde: Mein Dorf, meine Kirche, mein Pfarrer. Das ist das, was ich unter Pfarrei verstehe.

Und was macht das Bistum Trier? Mit der Umsetzung der Synode kommen plötzlich gigantische Pfarreien auf uns zu, die sich über hunderte Quadratkilometer erstrecken, in denen zigtausende Menschen leben und für die es nur noch einen Pfarrer geben soll? Soll ich dann jeden Sonntag 3 Stunden fahren, um eine Messe besuchen zu können? Wer soll in so einer gigantischen Pfarrei überhaupt noch das Läuten vom Kirchturm hören? Ganz zu schweigen davon, dass ich die unzähligen Gemeindemitglieder, die in so einer riesigen Pfarrei leben, doch überhaupt gar nicht alle kennen kann. Wie soll denn da Gemeinschaft entstehen? Ich habe das Gefühl, das Bistum will mit der Umsetzung der Synode die ganzen schönen Bilder, die ich von Pfarrei habe, einfach vom Tisch fegen. Als wären sie nichts wert.

Wenn aber die drei Polaroidfotos in meinem Kopf eine Metapher für ein – zugegebenermaßen – ideales Bild von Pfarrei sind: dann ist der Tisch, auf dem die Bilder liegen, auch eine Metapher. Eine Metapher für die Gemeinschaft, die die Pfarrei trägt. Also für mich und für alle Christinnen und Christen in meiner Pfarrei.

Und jeder von uns hat sein ganz eigenes Bild, seine eigene Vorstellung von Pfarrei, die auf unserem gemeinsamen Tisch liegen. Und sie alle stimmen. Meine Pfarrei ist ein Dorf, eine Kirche und ein Pfarrer, so wie ich mir das vorstelle. Aber da gibt es auch noch den Kindergarten und die Schule. Die gehören auch dazu. Da sind auch noch die Pfadfinder und die vielen Jugendgruppen. Die Katholische Bücherei. Da gibt es die Seniorennachmittage, die Treffen der kfd. Und zu meiner Pfarrei gehört auch die Caritas, die mit ihren Krankenhäusern, ihren Beratungsstellen, mit ihren Altenheimen und Pflegediensten überall ist. Da gibt es einen Sozialdienst, der sich um Menschen in Not kümmert. Das gibt es einen Chor. Da gibt es unzählige Aktionen, Initiativen, Vereine, Fördervereine und Projekte.

All das existiert in meiner Pfarrei. All das liegt auf dem Tisch. Und noch viel, viel mehr. Ein ganzes Fotoalbum mit Polaroids würde nicht ausreichen, um die Vielfalt zu zeigen, die in meiner, die in jeder Pfarrei existiert. Aber das Allerbeste ist: Der Tisch, der die Pfarrei trägt, den wir zusammen bilden, ist riesig und bietet mehr als genug Platz für all die Fotos. Ja, der Tisch kennt keine Grenzen. Wie zum Beispiel die Caritasverbände im Saarland, die miteinander kooperieren und dabei auch keine Rücksicht auf die Bistumsgrenze, die das Saarland durchzieht, nehmen: Trier – Speyer, völlig egal, wenn es um die Sache geht. Sie gehören auch zu meiner Pfarrei. Zur Pfadfindergruppe in meiner Pfarrei kommen nicht nur die Kinder aus meinem Dorf. Sie kommen von überall her, weil es ihnen hier gefällt und sie sich wohlfühlen. Oder die Gemeindereferentin aus meiner Pfarrei, die in der Schule im Nachbardorf Religionsunterricht gibt.

Pfarrei ist eben sehr viel mehr als mein Dorf, meine Kirche, mein Pfarrer. Sie ist mehr als nur die drei Polaroidfotos, die ich auf den Tisch gelegt habe. Pfarrei ist der Tisch, auf dem all die Bilder von Pfarrei liegen – eine große und lebendige Gemeinschaft. Und die lebt nicht von einem Glockenturm, von bestimmten Grenzen oder einer einzigen Person. Eine lebendige Gemeinschaft ist der Einsatz, der Wille und die Kraft jeder und jedes Einzelnen, die oder der sich mit anderen zusammenschließt. Mit einem, mit zweien, mit hunderten oder tausenden. Gemeinschaft gibt es überall, im Großen und im Kleinen. Das ist das, was hinter den Bildern von Pfarrei, hinter den Polaroids steht: der Tisch, auf dem sie liegen. Und dieser Tisch wird nicht weggeräumt. Er bleibt stehen, auch wenn Pfarrei in Zukunft nicht mehr das sein wird, was es bisher vielleicht war oder gewesen sein soll. Dieser Tisch, das sind wir, die Christinnen und Christen im Bistum Trier. Wir werden nicht weggeräumt. Aber auch wenn jeder von uns ein eigenes Bild im Kopf hat, was Pfarrei sein soll, sind wir nur zusammen Pfarrei. Und welche Bilder in Zukunft auf dem Tisch liegen werden – das bestimmen wir! Wir bestimmen, was Pfarrei in Zukunft heißt, weil wir Pfarrei sind und schon immer waren. Und die Synode möchte diesen Tisch nicht wegräumen. Im Gegenteil: Sie gibt ihm Platz. Gibt ihm und damit uns allen die Möglichkeit, größer zu werden, neue Bilder zu entdecken und auf den Tisch zu legen, mehr Verantwortung zu übernehmen und fester und stabiler zu sein in der Gemeinschaft.

Durch die Umsetzung der Synode in unserem Bistum werden die Bilder, die ich von Pfarrei hatte – das Dorf, die Kirche, der Pfarrer  – nicht weggeworfen. Sie werden ergänzt. Und der Tisch, auf dem sie liegen, wird größer und weiter. Denn wir sind viele. Wir stehen zusammen. Wir sind Pfarrei.

Dominik Holl, Bischöfliche Pressestelle Saarbrücken


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Außerirdisch…

 

Grafik auf einem Dashboard zur Tagung: Zwei in einem Boot

Caritas und Seelsorge – „in einem Boot“

Woran würde ein „Außerirdischer“ merken…

dass wir eine diakonische Kirche sind? Die Frage „saß“…, gestellt von einer Teilnehmerin bei der gemeinsamen Tagung Seelsorge – Caritas im Dekanat Kirchen. Beim Treffen ging es um die Ermutigung zu einer diakonischen Kirchenentwicklung im Sinne des Synodendokuments – und um „Bilder“: vom „Boot“ (in dem Caritas und Seelsorge gemeinsam sitzen), von „Sternen“ und „Stürmen“ (um unterschiedliche Zugänge) und vom „Rudern“ (um miteinander Kurs zu halten).

Der Dichter Reiner Kunze hat das Bildwort vor Augen gestellt:
Rudern zwei
ein boot,
… und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein. – hier ist das ganze Gedicht

Der Reihe nach: Zur gemeinsamen Tagung von Mitarbeitenden des Caritasverbandes und Seelsorgerinnen und Seelsorgern hatte die Fachkonferenz Caritas eingeladen. Es moderierten Birgitta Bauer und Carmen Schröder vom Diözesancaritasverband. Bereits in der Vorstellungsrunde hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, mittels einer auszuwählenden Abbildung zum Ausdruck zu bringen, was für sie eine diakonische Kirche darstellt. Vertiefend hierzu wurde in kleineren Gruppen mit Textabschnitten aus dem ersten Kapitel des Synodendokuments gearbeitet: „Suchet zuerst Gottes Reich“. Was hat mich bewogen, diesen oder jenen Text zu nehmen? Können wir – als Gruppe – bestimmte Aussagen präferieren? Eine spannende Auseinandersetzung.

Ebenso spannend die Frage in der anschließenden Großgruppe, was je persönlich in der Begegnung mit Anderem und Anderen „irritiert“, „betrifft“, „inspiriert“ bzw. „evangelisiert“. Auch hier waren es Bilder („typische“ Gesichter), die die Wortbeiträge unterstützten.

Die „Pfarrei der Zukunft“ als „diakonische Kirche“ zu denken, dazu wurden in der Folge Vertreterinnen und Vertreter aus Seelsorge und Caritas befragt: Welche Themen, welche Haltungen, welche Kirchorte, welche Botschaft… Dem großen Kreis der Zuhörenden kam die Aufgabe zu, ggf. unterschiedliche Zugänge der „Anderen“ zu hinterfragen.

Abschließend wurden die Möglichkeiten künftigen Miteinanders in Eckpunkten formuliert sowie eine „dreigleisige“ Umsetzung (Dekanatskonferenz – Projektarbeit unterschiedlicher Akteure – sowie thematische Vertiefung innerhalb des Caritasverbandes) miteinander vereinbart.

Bleibt noch die Frage, woran ein „Außerirdischer“ merkt, dass wir diakonische Kirche sind? Man könnte „nachschieben“: Darf es auch ein „Irdischer“ sein, der was bemerkt? Was sind die „Kennzeichen“ einer diakonischen Kirche? Was ist jetzt zu tun?

Die Weiterarbeit am Thema ist für Seelsorge und Caritas auf der „Trierischen Insel“ angesagt. Dazu liegen eine Fülle von Gedanken und Vorschlägen vor – erwachsen aus einem sehr lebendigen, offenen Dialog miteinander.

Rudolf Düber, Diakon